Ein Sys­tem grü­ner Zer­ti­fi­ka­te in der Flä­mi­schen Region

Den Strom­ver­sor­gern darf von den Mit­glied­staa­ten der EU Anrei­ze zur För­de­rung der Erzeu­gung von Öko­strom durch die natio­na­len Erzeu­ger ange­bo­ten wer­den. Die Richt­li­nie zur För­de­rung von Öko­strom steht der flä­mi­schen Rege­lung für grü­ne Zer­ti­fi­ka­te nicht entgegen.

Ein Sys­tem grü­ner Zer­ti­fi­ka­te in der Flä­mi­schen Region

So hat der Gerichts­hof der Euro­päi­schen Uni­on in dem hier vor­lie­gen­den Vor­ab­ent­schei­dungs­ver­fah­ren ent­schie­den und die Beschrän­kung des frei­en Waren­ver­kehrs durch die flä­mi­sche Rege­lung durch ein im All­ge­mein­in­ter­es­se lie­gen­des Ziel, das in der För­de­rung der Nut­zung von erneu­er­ba­ren Ener­gie­quel­len besteht, um die Umwelt zu schüt­zen und den Kli­ma­wan­del zu bekämp­fen, gerecht­fer­tigt ist. In der Flä­mi­schen Regi­on in Bel­gi­en wur­de ein Sys­tem grü­ner Zer­ti­fi­ka­te ein­ge­führt. Zum einen kön­nen die Erzeu­ger, die in die­ser Regi­on Öko­strom erzeu­gen, bei den flä­mi­schen Behör­den die Aus­stel­lung grü­ner Zer­ti­fi­ka­te bean­tra­gen. Zum ande­ren sind die Strom­ver­sor­ger unter Andro­hung einer Geld­bu­ße ver­pflich­tet, die­sen Behör­den jedes Jahr eine bestimm­te Zahl von Zer­ti­fi­ka­ten vorzulegen. 

Essent, ein bel­gi­sches Strom­ver­sor­gungs­un­ter­neh­men, leg­te den flä­mi­schen Behör­den, um ihrer Ver­pflich­tung auf dem Gebiet grü­ner Zer­ti­fi­ka­te nach­zu­kom­men, Her­kunfts­nach­wei­se vor, die die Erzeu­gung von Öko­strom in Däne­mark (und/​oder Schwe­den), den Nie­der­lan­den und Nor­we­gen beleg­ten. Sie wur­den von den Behör­den jedoch nicht als grü­ne Zer­ti­fi­ka­te akzep­tiert, weil die­se nur für Strom aus­ge­stellt wer­den könn­ten, der in Flan­dern erzeugt wor­den sei. Zudem wur­den gegen Essent mehr­fach Geld­bu­ßen in einer Gesamt­hö­he von etwa 1,5 Mio. Euro ver­hängt. Da Essent der Auf­fas­sung war, dass die Ent­schei­dun­gen der flä­mi­schen Behör­den gegen die Richt­li­nie und gegen den Grund­satz des frei­en Waren­ver­kehrs ver­stie­ßen, erhob sie meh­re­re Kla­gen vor den bel­gi­schen Gerichten.

Die Richt­li­nie zur För­de­rung von Öko­strom [1] sieht vor, dass die Mit­glied­staa­ten geeig­ne­te Maß­nah­men ergrei­fen, um in ihrem Hoheits­ge­biet die Stei­ge­rung des Ver­brauchs von Strom aus erneu­er­ba­ren Ener­gie­quel­len zu för­dern. Außer­dem sor­gen sie für die Ein­füh­rung eines Sys­tems der Her­kunfts­nach­wei­se, um den Erzeu­gern von Öko­strom den Nach­weis zu ermög­li­chen, dass der von ihnen ver­kauf­te Strom aus erneu­er­ba­ren Ener­gie­quel­len stammt. Soweit die Her­kunfts­nach­wei­se die öko­lo­gi­sche Her­kunft des Stroms bewei­sen, müs­sen sie von den Mit­glied­staa­ten gegen­sei­tig aner­kannt werden.

In dem hier vor­lie­gen­den Vor­ab­ent­schei­dungs­er­su­chen möch­te die Recht­bank van eers­te aan­leg te Brussel (Gericht Ers­ter Instanz Brüs­sel) vom Gerichts­hof der Euro­päi­schen Uni­on wis­sen, ob die flä­mi­sche Rege­lung für grü­ne Zer­ti­fi­ka­te mit dem Uni­ons­recht ver­ein­bar ist. 

In sei­ner Urteils­be­grün­dung hat der Gerichts­hof der Euro­päi­schen Uni­on ers­tens fest­ge­stellt, dass in der Richt­li­nie die Her­kunfts­nach­wei­se und die natio­na­len För­der­re­ge­lun­gen unter­schied­li­chen Vor­schrif­ten unter­lie­gen und dass kein Zusam­men­hang zwi­schen den bei­den Sys­te­men besteht. Die Richt­li­nie sieht näm­lich aus­drück­lich vor, dass das Sys­tem der Her­kunfts­nach­wei­se als sol­ches kein Recht auf Inan­spruch­nah­me der natio­na­len För­der­me­cha­nis­men impli­ziert. Der Uni­ons­ge­setz­ge­ber hat­te also nicht die Absicht, die Mit­glied­staa­ten zur Aus­deh­nung ihrer auf den grü­nen Zer­ti­fi­ka­ten beru­hen­den För­der­re­ge­lun­gen auf den in einem ande­ren Mit­glied­staat erzeug­ten Öko­strom zu ver­pflich­ten. Der Gerichts­hof der Euro­päi­schen Uni­on weist fer­ner dar­auf hin, dass die natio­na­len För­der­me­cha­nis­men zur Erfül­lung der von den Mit­glied­staa­ten in Bezug auf die Erhö­hung des Öko­strom­ver­brauchs in ihrer Wirt­schaft ein­ge­gan­ge­nen Ver­pflich­tun­gen bei­tra­gen und grund­sätz­lich zu einer Stei­ge­rung des im Inland erzeug­ten Öko­stroms füh­ren sol­len. Folg­lich steht die Richt­li­nie der flä­mi­schen Rege­lung für grü­ne Zer­ti­fi­ka­te nicht entgegen.

Zwei­tens führt der Gerichts­hof der Euro­päi­schen Uni­on aus, dass die flä­mi­sche Rege­lung für grü­ne Zer­ti­fi­ka­te die Ein­fuh­ren von Strom, ins­be­son­de­re von Öko­strom, aus ande­ren Mit­glied­staa­ten beein­träch­ti­gen kann. Zum einen müs­sen Strom­ver­sor­ger wie Essent im All­ge­mei­nen für den von ihnen ein­ge­führ­ten Strom Zer­ti­fi­ka­te kau­fen, da sie sonst eine Geld­bu­ße zah­len müss­ten. Zum ande­ren kann durch die Mög­lich­keit der Erzeu­ger von Öko­strom aus Flan­dern, die Zer­ti­fi­ka­te zusam­men mit dem von ihnen erzeug­ten Strom zu ver­kau­fen, die Auf­nah­me von Ver­hand­lun­gen und die Ein­ge­hung ver­trag­li­cher Bezie­hun­gen über die Lie­fe­rung von in Flan­dern erzeug­tem Strom an die Ver­sor­ger geför­dert wer­den. Dar­aus folgt, dass die­se Rege­lung eine Beschrän­kung des frei­en Waren­ver­kehrs darstellt.

Der Gerichts­hof der Euro­päi­schen Uni­on hält die­se Beschrän­kung jedoch für gerecht­fer­tigt durch ein im All­ge­mein­in­ter­es­se lie­gen­des Ziel, das in der För­de­rung der Nut­zung von erneu­er­ba­ren Ener­gie­quel­len besteht, um die Umwelt zu schüt­zen und den Kli­ma­wan­del zu bekämp­fen. In die­sem Zusam­men­hang stellt der Gerichts­hof der Euro­päi­schen Uni­on fest, dass es zur Errei­chung des ver­folg­ten Ziels gerecht­fer­tigt ist, mit den Maß­nah­men zur För­de­rung der Umstel­lung auf Öko­strom eher auf die Stu­fe der Erzeu­gung denn auf die des Ver­brauchs abzu­zie­len. Die Flä­mi­sche Regi­on durf­te aus den­sel­ben Grün­den auch davon aus­ge­hen, dass die Vor­tei­le der auf den grü­nen Zer­ti­fi­ka­ten beru­hen­den För­der­reg­lung allein auf die regio­na­le Öko­strom­erzeu­gung beschränkt wer­den sollten.

Der Gerichts­hof der Euro­päi­schen Uni­on hebt aber her­vor, dass die aus der För­der­re­ge­lung resul­tie­ren­de Beschrän­kung nur gerecht­fer­tigt sein kann, wenn es den Strom­im­por­teu­ren tat­säch­lich mög­lich ist, sich unter fai­ren Bedin­gun­gen grü­ne Zer­ti­fi­ka­te auf einem ent­spre­chen­den Markt zu beschaf­fen. Außer­dem dür­fen die Ver­sor­ger, die ihrer Ver­pflich­tung in Bezug auf grü­ne Zer­ti­fi­ka­te nicht nach­ge­kom­men sind, durch die gegen sie ver­häng­te Geld­bu­ße nicht über­mä­ßig bestraft werden.

Unter die­sen Umstän­den ent­schei­det der Gerichts­hof der Euro­päi­schen Uni­on, dass die flä­mi­sche Rege­lung für grü­ne Zer­ti­fi­ka­te im Prin­zip mit dem Grund­satz des frei­en Waren­ver­kehrs ver­ein­bar ist.

Gerichts­hof der Euro­päi­schen Uni­on, Urteil vom 11. Sep­tem­ber 2014 – C‑204/​12 bis C‑208/​12, Essent Bel­gi­um NV /​Vla­am­se Regu­le­rings­in­stan­tie voor de Elek­tri­ci­teits- en Gasmarkt

  1. Richt­li­nie 2001/​77/​EG des Euro­päi­schen Par­la­ments und des Rates vom 27.09.2001 zur För­de­rung der Strom­erzeu­gung aus erneu­er­ba­ren Ener­gie­quel­len im Elek­tri­zi­täts­bin­nen­markt, ABl. L 283, S. 33[]