Kar­tel­le auf dem Erdgasmarkt

Das Gericht der Euro­päi­schen Uni­on hat die von der EU-Kom­mis­si­on gegen E.ON und GDF Suez wegen Auf­tei­lung des fran­zö­si­schen und des deut­schen Erd­gas­markts fest­ge­setz­ten Geld­bu­ßen von je 553 Mio. € für jede Gesell­schaft auf 320 Mio. € her­ab­ge­setzt. Das Gericht der Euro­päi­schen Uni­on bestä­tigt zwar die Ent­schei­dung der EU-Kom­mis­si­on im Wesent­li­chen, stellt jedoch fest, dass die Beur­tei­lung der Dau­er der Zuwi­der­hand­lung auf jedem der Märk­te durch die Kom­mis­si­on feh­ler­haft war.

Kar­tel­le auf dem Erdgasmarkt

Mit Ent­schei­dung vom 8. Juli 2009 ver­häng­te die Kom­mis­si­on gegen E.ON und GDF Suez Geld­bu­ßen in Höhe von je 553 Mio. € wegen Ver­let­zung des euro­päi­schen Wett­be­werbs­rechts durch den Abschluss einer Ver­ein­ba­rung zur Auf­tei­lung des fran­zö­si­schen und des deut­schen Erd­gas­markts [1]. Die­se Ver­ein­ba­rung wur­de 1975 getrof­fen, als die Ruhr­gas AG (nun­mehr E.ON Ruhr­gas, zum E.ON-Konzern gehö­rig) und GDF (heu­te zu GDF Suez gehö­rig) beschlos­sen, gemein­sam die Gas­fern­lei­tung MEGAL quer durch Deutsch­land zu bau­en, um über sie rus­si­sches Gas nach Deutsch­land und Frank­reich ein­zu­füh­ren. Der Ent­schei­dung der Kom­mis­si­on zufol­ge sind die Unter­neh­men mit der frag­li­chen Ver­ein­ba­rung (im Fol­gen­den: MEGAL-Ver­ein­ba­rung) über­ein­ge­kom­men, das durch die­se Gas­fern­lei­tung beför­der­te Gas nicht auf dem Inlands­markt des jeweils ande­ren Unter­neh­mens zu verkaufen.

In Bezug auf den fran­zö­si­schen Markt befand die Kom­mis­si­on, dass die Zuwi­der­hand­lung am 10. August 2000 begon­nen habe, dem Tag, an dem die Ers­te Gas­richt­li­nie, die die Libe­ra­li­sie­rung des Gas­markts vor­ge­se­hen hat, hät­te umge­setzt sein müs­sen. Vor die­sem Zeit­punkt habe das frag­li­che Ver­hal­ten wegen des zuguns­ten von GDF bestehen­den gesetz­li­chen Mono­pols für die Ein­fuhr und Lie­fe­rung von Gas den Wett­be­werb nicht beschrän­ken kön­nen. Auch wenn die Ers­te Gas­richt­li­nie in Frank­reich erst 2003 umge­setzt wor­den sei, habe der Wett­be­werb schon im Jahr 2000 beschränkt wer­den kön­nen, da Wett­be­wer­ber von GDF schon von 2000 an bestimm­te Kun­den in Frank­reich hät­ten belie­fern können.

Hin­sicht­lich des deut­schen Mark­tes ging die Kom­mis­si­on davon aus, dass die Zuwi­der­hand­lung am 1. Janu­ar 1980 begon­nen habe, dem Tag der voll­stän­di­gen Inbe­trieb­nah­me der MEGAL-Gas­fern­lei­tung. Im Gegen­satz zur Situa­ti­on in Frank­reich habe auf dem deut­schen Markt vor des­sen Libe­ra­li­sie­rung kein Mono­pol bestan­den. GDF sei daher vor der Libe­ra­li­sie­rung als poten­zi­el­ler Wett­be­wer­ber von Ruhr­gas anzu­se­hen, obwohl bestimm­te (von der MEGAL-Ver­ein­ba­rung getrenn­te) Ver­ein­ba­run­gen zwi­schen Ener­gie­ver­sor­gungs­un­ter­neh­men (Demar­ka­ti­ons­ver­trä­ge) sowie zwi­schen die­sen Unter­neh­men und Gebiets­kör­per­schaf­ten (aus­schließ­li­che Kon­zes­si­ons­ver­trä­ge) bestan­den hät­ten, die auf­grund einer Frei­stel­lung bis zum 24. April 1998 als zuläs­sig betrach­tet wor­den seien.

In den Demar­ka­ti­ons­ver­trä­gen ver­ein­bar­ten die Unter­neh­men unter­ein­an­der, das Gebiet des jeweils ande­ren nicht mit Elek­tri­zi­tät oder Gas zu belie­fern. In den aus­schließ­li­chen Kon­zes­si­ons­ver­trä­gen räum­te eine Gebiets­kör­per­schaft einem Unter­neh­men ein aus­schließ­li­ches Recht zur Nut­zung öffent­li­cher Grund­stü­cke für den Bau und Betrieb von Elek­tri­zi­täts- und Gas­ver­tei­ler­net­zen ein.

Was das Ende der Zuwi­der­hand­lung angeht, ver­trat die Kom­mis­si­on trotz der Behaup­tung der bei­den Gesell­schaf­ten in einer Ver­ein­ba­rung vom 13. August 2004, dass sie die wett­be­werbs­wid­ri­gen Tei­le der MEGAL-Ver­ein­ba­rung seit lan­gem für nich­tig erach­te­ten, die Auf­fas­sung, dass die­se Ver­ein­ba­rung in Wirk­lich­keit bis min­des­tens Ende Sep­tem­ber 2005 wei­ter­hin Wir­kun­gen ent­fal­tet habe. So hat die Kom­mis­si­on die­ses Datum als das­je­ni­ge der Been­di­gung der Zuwi­der­hand­lung auf bei­den Märk­ten berücksichtigt.

Sowohl E.ON als auch GDF Suez haben gegen die­se Ent­schei­dung beim Gericht Kla­ge auf deren Nich­tig­erklä­rung und Her­ab­set­zung der gegen sie jeweils fest­ge­setz­ten Geld­bu­ße erhoben. 

In sei­nen heu­ti­gen Urtei­len weist das Gericht der Euro­päi­schen Uni­on das Vor­brin­gen der Klä­ge­rin­nen größ­ten­teils zurück und bestä­tigt die Ent­schei­dung der EU-Kom­mis­si­on im Wesent­li­chen. Das Euro­päi­sche Gericht stellt jedoch fest, dass der Kom­mis­si­on bei der Bestim­mung der Dau­er der Zuwi­der­hand­lung zwei Feh­ler unter­lau­fen sind.

Was ers­tens den Beginn der Zuwi­der­hand­lung auf dem deut­schen Markt angeht, hat das Zusam­men­wir­ken der (durch Frei­stel­lung bis zum 24. April 1998 gedeck­ten) Demar­ka­ti­ons- und aus­schließ­li­chen Kon­zes­si­ons­ver­trä­ge zu einem Sys­tem geschlos­se­ner Ver­sor­gungs­ge­bie­te geführt, ohne dass aller­dings ande­ren Unter­neh­men die Lie­fe­rung von Erd­gas gesetz­lich ver­bo­ten gewe­sen wäre. Dem­ge­mäß war der deut­sche Gas­markt bis zum 24. April 1998, dem Tag, von dem an die­se Ver­ein­ba­run­gen nicht mehr frei­ge­stellt waren, durch das Bestehen zuläs­si­ger fak­ti­scher Gebiets­mo­no­po­le gekenn­zeich­net. Die­se Situa­ti­on konn­te dazu füh­ren, dass auf die­sem Markt kei­ner­lei – weder ein tat­säch­li­cher noch ein poten­zi­el­ler – Wett­be­werb statt­fand, wobei es uner­heb­lich ist, dass in Deutsch­land kein gesetz­li­ches Mono­pol bestand. Nach Ansicht des Gerichts hat die Kom­mis­si­on inso­weit nicht dar­ge­tan, dass zwi­schen den bei­den Unter­neh­men auf dem deut­schen Gas­markt vom 1. Janu­ar 1980 bis 24. April 1998 ein poten­zi­el­ler Wett­be­werb bestand, der durch die MEGAL-Ver­ein­ba­rung hät­te beein­träch­tigt wer­den kön­nen. Das Gericht erklärt daher Art. 1 der ange­foch­te­nen Ent­schei­dung für nich­tig, soweit er das Vor­lie­gen einer vom 1. Janu­ar 1980 bis 24. April 1998 in Deutsch­land began­ge­nen Zuwi­der­hand­lung fest­stellt. Zu beach­ten ist, dass die­ser Zeit­raum bei der Fest­set­zung der Höhe der Geld­bu­ße nicht berück­sich­tigt wor­den war.

Was zwei­tens das Ende der Zuwi­der­hand­lung auf dem fran­zö­si­schen Markt betrifft, stellt das Gericht der Euro­päi­schen Uni­on fest, dass die Kom­mis­si­on kei­ne Anhalts­punk­te vor­ge­bracht hat, die die Schluss­fol­ge­rung zulas­sen, dass die Zuwi­der­hand­lung im Anschluss an die Ver­ein­ba­rung von August 2004 auf dem fran­zö­si­schen Markt ange­dau­ert hat. Hin­ge­gen bele­gen meh­re­re nach die­ser Ver­ein­ba­rung ent­stan­de­ne Schrift­stü­cke und das Ver­hal­ten von GDF auf dem deut­schen Markt, dass die Zuwi­der­hand­lung in Deutsch­land bis Sep­tem­ber 2005 fort­ge­setzt wur­de. Das Gericht erklärt dem­ge­mäß Art. 1 der ange­foch­te­nen Ent­schei­dung für nich­tig, soweit er das Vor­lie­gen der Zuwi­der­hand­lung in Frank­reich im Zeit­raum 13. August 2004 bis 30. Sep­tem­ber 2005 feststellt.

Das Gericht der Euro­päi­schen Uni­on hält, um der teil­wei­sen Nich­tig­erklä­rung von Art. 1 der Ent­schei­dung Rech­nung zu tra­gen, eine Her­ab­set­zung der gegen die bei­den Gesell­schaf­ten fest­ge­setz­ten Geld­bu­ßen für gebo­ten. Bei Anwen­dung der von der Kom­mis­si­on für die Fest­set­zung der Höhe der Geld­bu­ße her­an­ge­zo­ge­nen Metho­de wür­den die Geld­bu­ßen auf 267 Mio. Euro her­ab­ge­setzt. Eine sol­che Min­de­rung wäre gemes­sen an der rela­ti­ven Bedeu­tung des fest­ge­stell­ten Feh­lers unver­hält­nis­mä­ßig. Wäh­rend näm­lich die­ser Feh­ler der Kom­mis­si­on nur den fran­zö­si­schen Markt und auch nur zwölf­ein­halb Mona­te der von ihr ange­setz­ten fünf Jah­re und andert­halb Mona­te betrifft, wür­de die Anwen­dung der Metho­de der Kom­mis­si­on zu einer Her­ab­set­zung der Geld­bu­ße um über 50 % füh­ren. Das Gericht gelangt daher ange­sichts des Umstands, dass die­se Berech­nungs­me­tho­de nicht alle erheb­li­chen Umstän­de berück­sich­tigt, und unter Hin­weis dar­auf, dass es durch die­se Metho­de nicht gebun­den ist, zu dem Ergeb­nis, dass der End­be­trag der gegen jede Gesell­schaft zu ver­hän­gen­den Geld­bu­ße unter Berück­sich­ti­gung ins­be­son­de­re der Dau­er und der Schwe­re der Zuwi­der­hand­lung auf 320 Mio. € fest­zu­set­zen ist.

Das Urteil des Gerichts der Euro­päi­schen Uni­on ist noch nicht rechts­kräf­tig. Gegen die Ent­schei­dung des Euro­päi­schen Gerichts kann inner­halb von zwei Mona­ten nach ihrer Zustel­lung ein auf Rechts­fra­gen beschränk­tes Rechts­mit­tel beim Gerichts­hof der Euro­päi­schen Uni­on ein­ge­legt werden.

Gerichts­hof der Euro­päi­schen Uni­on, Urtei­le vom 29. Juni 2012 – T‑360/​09 [E.ON Ruhr­gas und E.ON AG /​Kom­mis­si­on] und T‑370/​09 [GDF Suez SA /​Kom­mis­si­on]

  1. Kom­mis­si­on, Ent­schei­dung K(2009) 5355 endg. der Kom­mis­si­on vom 8. Juli 2009 in einem Ver­fah­ren nach Arti­kel 81 [EG] (Sache COMP/39.401 – E.ON/GDF).[]