Preis­an­pas­sung bei der Erd­gas­ver­sor­gung von Tarif­kun­den

Auf­grund einer gebo­te­nen ergän­zen­den Ver­trags­aus­le­gung (§§ 157, 133 BGB) des Gas­lie­fe­rungs­ver­tra­ges kön­nen Gas­ver­sor­gungs­un­ter­ne­men ihre eige­nen Gas­be­zugs­kos­ten durch Preis­er­höun­gen an ihre Tarif­kun­den wei­ter­ge­ben. Inso­weit hat der Bun­des­ge­richts­hof sei­ne bis­he­ri­gen Recht­spre­chung zum Bestehen eines gesetz­li­chen Preis­än­de­rungs­rechts der Gas­ver­sor­gungs­un­ter­neh­men aus § 4 Abs. 1 und 2 AVB­GasV geän­dert.

Preis­an­pas­sung bei der Erd­gas­ver­sor­gung von Tarif­kun­den

So die Ent­schei­dung des Bun­des­ge­richts­hofs in den hier vor­lie­gen­den Kla­gen zwei­er Gas­ver­sor­gungs­un­ter­neh­men, die für die von ihnen erbrach­ten Erd­gas­lie­fe­run­gen die Zah­lung des rest­li­chen Ent­gelts in Höhe von 813,35 € bzw. 1.533,19 € für begehrt haben. Sie hat­ten die Stei­ge­run­gen ihrer eige­nen Gas­be­zugs­kos­ten zum Anlass genom­men, die­se durch ent­spre­chen­de, in den Jah­ren 2004 bis 2006 vor­ge­nom­me­ne Preis­er­hö­hun­gen an die beklag­ten Tarif­kun­den wei­ter­zu­ge­ben. Die­se wider­spra­chen den Preis­er­hö­hun­gen und zahl­ten die Erhö­hungs­be­trä­ge nicht oder ledig­lich zu einem gerin­gen Teil. Die Gas­ver­sor­gungs­un­ter­neh­men klag­ten die Zah­lung des rest­li­chen Ent­gelts für die von ihnen erbrach­ten Erd­gas­lie­fe­run­gen ein. Die Kla­gen haben in den Vor­in­stan­zen Erfolg gehabt [1]. Über die von den Beru­fungs­ge­rich­ten in bei­den Ver­fah­ren zuge­las­se­nen Revi­sio­nen der beklag­ten Gas­kun­den hat der Bun­des­ge­richts­hof nun ent­schie­den.

Nach der bis­he­ri­gen Recht­spre­chung des Bun­des­ge­richts­hofs ist aus den Vor­schrif­ten des GasGVV und AVB­GasV (§ 4 Abs. 1 und 2 AVB­GasV; § 5 Abs. 2 GasGVV) her­ge­lei­tet wor­den, dass sie den Gas­ver­sor­gungs­un­ter­neh­men im Bereich der – hier gege­be­nen – Ver­sor­gung von Tarif­kun­den ein ein­sei­ti­ges Leis­tungs­be­stim­mungs­recht gewäh­ren, so dass den Gas­ver­sor­gungs­un­ter­neh­men das Recht zusteht, Prei­se nach (gericht­lich über­prüf­ba­rem) bil­li­gem Ermes­sen (§ 315 BGB) zu ändern. Auf­grund der Trans­pa­renz­an­for­de­run­gen in Art. 3 Abs. 3 Satz 4 bis 6 in Ver­bin­dung mit Anhang A Buchst. b und c der Gas-Richt­li­nie 2003/​55/​EG hat der Bun­des­ge­richts­hof [2] dem Gerichts­hof der Euro­päi­schen Uni­on die Fra­ge zur Vor­ab­ent­schei­dung gemäß Art. 267 AEUV vor­ge­legt, ob die vor­ge­nann­ten Bestim­mun­gen der Gas-Richt­li­nie dahin aus­zu­le­gen sind, dass § 4 Abs. 1 und 2 AVB­GasV als Rege­lung über Preis­än­de­run­gen den Anfor­de­run­gen der Richt­li­nie an das erfor­der­li­che Maß an Trans­pa­renz genügt.

In sei­ner Urteils­be­grün­dung hat der Gerichts­hof der Euro­päi­schen Uni­on die­se Fra­ge deut­lich ver­neint [3] und aus­ge­führt, der Kun­de müs­se, um die ihm zuste­hen­den Rech­te, sich im Fal­le von Preis­er­hö­hun­gen vom Lie­fer­ver­trag zu lösen oder gegen Ände­run­gen der Lie­fer­prei­se vor­zu­ge­hen, in vol­lem Umfang und tat­säch­lich nut­zen zu kön­nen, recht­zei­tig vor dem Inkraft­tre­ten die­ser Ände­rung über deren Anlass, Vor­aus­set­zun­gen und Umfang infor­miert wer­den. Des­halb genü­ge eine natio­na­le Rege­lung wie die hier in Rede ste­hen­de Vor­schrift des § 4 Abs. 1 und 2 AVB­GasV, die nicht gewähr­leis­te, dass einem Haus­halts­kun­den die vor­ste­hend ange­führ­te Infor­ma­ti­on recht­zei­tig über­mit­telt wer­de, den in der Gas-Richt­li­nie 2003/​55/​EG auf­ge­stell­ten Anfor­de­run­gen nicht.

Auf­grund die­ses für die natio­na­len Gerich­te bin­den­den Aus­le­gungs­er­geb­nis­ses des gerichts­hofs der Euro­päi­schen Uni­on hat der Bun­des­ge­richts­hof ent­schie­den, dass an der bis­he­ri­gen Recht­spre­chung des Bun­des­ge­richts­hofs zu § 4 Abs. 1 und 2 AVB­GasV jeden­falls für die Zeit nach Ablauf der bis zum 1. Juli 2004 rei­chen­den Frist zur Umset­zung der Gas-Richt­li­nie nicht mehr fest­ge­hal­ten wer­den kann.

Ein den Trans­pa­renz­an­for­de­run­gen der Gas-Richt­li­nie 2003/​55/​EG ent­spre­chen­des gesetz­li­ches Preis­än­de­rungs­recht kann nach Auf­fas­sung des Bun­des­ge­richts­hofs auch nicht aus einer – von den natio­na­len Gerich­ten sonst im Regel­fall vor­zu­neh­men­den – richt­li­ni­en­kon­for­men Aus­le­gung der ein­schlä­gi­gen natio­na­len Rege­lun­gen her­ge­lei­tet wer­den. Denn eine sol­che Aus­le­gung des § 4 Abs. 1 und 2 AVB­GasV gin­ge hier in ver­fas­sungs­recht­lich unzu­läs­si­ger Wei­se über den erkenn­ba­ren Wil­len des (natio­na­len) Gesetz- und Ver­ord­nungs­ge­bers hin­aus, der die Gren­ze für eine richt­li­ni­en­kon­for­me Aus­le­gung durch das Gericht bil­det.

Die in der AVB­GasV hin­sicht­lich der Trans­pa­renz­an­for­de­run­gen bestehen­de Lücke führt aller­dings, da die Rege­lun­gen der AVB­GasV zwin­gend Bestand­teil des Gas­lie­fe­rungs­ver­tra­ges der Par­tei­en sind und letz­te­re daher bei Abschluss ihres Tarif­kun­den­ver­tra­ges das Bestehen eines gesetz­li­chen Preis­än­de­rungs­rechts als gege­ben vor­aus­ge­setzt haben, auch zu einer von ihnen unbe­ab­sich­tig­ten Unvoll­stän­dig­keit des Ver­tra­ges in einem wesent­li­chen Punkt. Die­se Ver­trags­lü­cke ist nun durch eine gebo­te­ne ergän­zen­de Ver­trags­aus­le­gung des Gas­lie­fe­rungs­ver­trags der Par­tei­en zu schlie­ßen. Bei der ergän­zen­den Ver­trags­aus­le­gung geht es dar­um zu ermit­teln, was die Par­tei­en bei einer ange­mes­se­nen, objek­tiv-gene­ra­li­sie­ren­den Abwä­gung ihrer Inter­es­sen nach Treu und Glau­ben red­li­cher­wei­se ver­ein­bart hät­ten, wenn sie bedacht hät­ten, dass die Wirk­sam­keit der ange­wen­de­ten Preis­än­de­rungs­be­stim­mung jeden­falls unsi­cher war. Dies führt zu dem Ergeb­nis, dass die Par­tei­en als red­li­che Ver­trags­part­ner ver­ein­bart hät­ten, dass das Gas­ver­sor­gungs­un­ter­neh­men berech­tigt ist, Stei­ge­run­gen sei­ner eige­nen (Bezugs-)Kosten, soweit die­se nicht durch Kos­ten­sen­kun­gen in ande­ren Berei­chen aus­ge­gli­chen wer­den, an den Tarif­kun­den wei­ter­zu­ge­ben, und das Gas­ver­sor­gungs­un­ter­neh­men ver­pflich­tet ist, bei einer Tarif­an­pas­sung Kos­ten­sen­kun­gen eben­so zu berück­sich­ti­gen.

Ohne eine sol­che Berech­ti­gung des Gas­ver­sor­gungs­un­ter­neh­mens, Preis­er­hö­hun­gen zwar nicht mehr in dem bis­her nach § 4 Abs. 1 und 2 AVB­GasV für mög­lich erach­te­ten Umfang vor­zu­neh­men, aber (Bezugs-)Kostensteigerungen an den Kun­den wei­ter­zu­ge­ben, bestün­de ange­sichts des kon­ti­nu­ier­li­chen Anstiegs der Ener­gie­prei­se bei lang­fris­ti­gen Ver­sor­gungs­ver­trä­gen regel­mä­ßig ein gra­vie­ren­des, dem Äqui­va­lenz­prin­zip zuwi­der­lau­fen­des Ungleich­ge­wicht von Leis­tung und Gegen­leis­tung. Dies wäre unbil­lig und wür­de dem Kun­den einen unver­hoff­ten und unge­recht­fer­tig­ten Gewinn ver­schaf­fen. Dies ent­sprä­che auch nicht dem objek­tiv zu ermit­teln­den hypo­the­ti­schen Par­tei­wil­len, zumal in Fäl­len der Grund­ver­sor­gung – wie hier – die Ener­gie­ver­sor­gungs­un­ter­neh­men gesetz­lich ver­pflich­tet sind, zu den All­ge­mei­nen Bedin­gun­gen und Prei­sen jeden Haus­halts­kun­den mit Gas zu ver­sor­gen, sie mit­hin einem Kon­tra­hie­rungs­zwang unter­lie­gen und sie zur (ordent­li­chen) Kün­di­gung des Tarif­kun­den­ver­tra­ges (Grund­ver­sor­gungs­ver­tra­ges) nur in sehr ein­ge­schränk­tem Maße berech­tigt sind. Die Bedeu­tung die­ser bei­den Gesichts­punk­te für das wirt­schaft­li­che Inter­es­se des Grund­ver­sor­gers hat auch der Gerichts­hof der Euro­päi­schen Uni­on in sei­nem oben genann­ten Urteil [3] her­vor­ge­ho­ben.

In den bei­den heu­te ent­schie­de­nen Fäl­len haben die Gas­ver­sor­gungs­un­ter­neh­men nach den rechts­feh­ler­frei­en Fest­stel­lun­gen der Beru­fungs­ge­rich­te ledig­lich Bezugs­kos­ten­stei­ge­run­gen wei­ter­ge­ge­ben, so dass ihren Zah­lungs­kla­gen im Ergeb­nis zu Recht statt­ge­ge­ben wor­den ist. In die­sem Zusam­men­hang hat der Bun­des­ge­richts­hof her­vor­ge­ho­ben, dass die Beur­tei­lung, ob die Preis­er­hö­hun­gen des Gas­ver­sor­gungs­un­ter­neh­mens des­sen (Bezugs-)Kostensteigerungen (hin­rei­chend) abbil­den, vom Tatrich­ter auf der Grund­la­ge der Umstän­de des Ein­zel­falls und unter Berück­sich­ti­gung der Schät­zungs­mög­lich­keit nach § 287 Abs. 2 in Ver­bin­dung mit § 287 Abs. 1 Satz 1 ZPO vor­zu­neh­men ist. Dabei ist zu berück­sich­ti­gen, dass die Wei­ter­ga­be der Kos­ten­sen­kun­gen und Kos­ten­er­hö­hun­gen nicht tages­ge­nau erfol­gen muss, son­dern auf die Kos­ten­ent­wick­lung in einem gewis­sen Zeit­raum abzu­stel­len ist. Die Bemes­sung die­ses Zeit­raums obliegt der Beur­tei­lung des Tatrich­ters nach den Umstän­den des Ein­zel­falls. In den meis­ten Fäl­len wird das Gas­wirt­schafts­jahr ein geeig­ne­ter Prü­fungs­maß­stab sein.

Außer­dem haben nach Auf­fas­sung des Bun­des­ge­richts­hofs für Preis­er­hö­hun­gen, die über die blo­ße Wei­ter­ga­be von (Bezugs-)Kostensteigerungen hin­aus­ge­hen und der Erzie­lung eines (zusätz­li­chen) Gewinns die­nen, die Grund­sät­ze der zu den (Norm-)Sonderkundenverträgen ent­wi­ckel­ten Recht­spre­chung des Bun­des­ge­richts­hofs zu gel­ten. Danach kann sich der Kun­de bei einem lang­jäh­ri­gen Ener­gie­lie­fe­rungs­ver­hält­nis, wenn er die Preis­er­hö­hung nicht inner­halb eines Zeit­raums von drei Jah­ren nach Zugang der jewei­li­gen Jah­res­ab­rech­nung, in der die Preis­er­hö­hung erst­mals berück­sich­tigt wor­den ist, bean­stan­det hat, nicht mehr mit Erfolg gegen die Preis­er­hö­hung wen­den. Denn es besteht kein sach­li­cher Grund, den Grund­ver­sor­ger inso­weit anders zu behan­deln als den Ener­gie­ver­sor­ger im (Norm-)Sonderkundenbereich, der nicht den mit der Grund­ver­sor­gung ver­bun­de­nen wirt­schaft­li­chen Erschwer­nis­sen aus­ge­setzt ist.

Folg­lich ist in den hier vor­lie­gen­den Fäl­len die Revi­si­on der beklag­ten Gas­kun­den vom Bun­des­ge­richts­hof zurück­ge­wie­sen wor­den.

Bun­des­ge­richts­hof, Urtei­le vom 28. Okto­ber 2015 – VIII ZR 158/​11 und VIII ZR 13/​12

  1. OLG Düs­sel­dorf, Urteil vom 13.04. 2011 – VI-2 U (Kart) 3/​09 und vom 21.12.2011 – VI-3 U (Kart) 4/​11[]
  2. BGH, Beschluss vom 18.05.2011 – VIII ZR 71/​10[]
  3. EuGH, Urteil vom 23.10.2014 – Rs. C‑359/​11 und C‑400/​11, Schulz und Egbring­hoff[][]