Ver­jäh­rung von Rück­for­de­rungs­an­sprü­chen wegen unwirk­sa­mer Strom­preis­an­pas­sung

Mit der Fra­ge des Ver­jäh­rungs­be­ginns für Rück­zah­lungs­an­sprü­che auf­grund unwirk­sa­mer Preis­än­de­rungs­klau­seln in einem Strom­lie­fe­rungs­ver­trag mit Son­der­kun­den muss­te sich jetzt erneut der Bun­des­ge­richts­hof befas­sen. Nach Ansicht des Bun­des­ge­richts­hofs beginnt die drei­jäh­ri­ge Ver­jäh­rungs­frist für Rück­zah­lungs­an­sprü­che mit dem Zugang der jewei­li­gen Jah­res­ab­rech­nung, in der die erbrach­ten (über­höh­ten) Abschlags­zah­lun­gen berück­sich­tigt waren.

Ver­jäh­rung von Rück­for­de­rungs­an­sprü­chen wegen unwirk­sa­mer Strom­preis­an­pas­sung

Die Rück­zah­lungs­an­sprü­che aus § 812 Abs. 1 Satz 1 Fall 1 BGB ver­jäh­ren inner­halb der drei­jäh­ri­gen Regel­ver­jäh­rungs­frist des § 195 BGB [1].

Die regel­mä­ßi­ge Ver­jäh­rungs­frist beginnt gemäß § 199 Abs. 1 BGB mit dem Schluss des Jah­res, in dem der Anspruch ent­stan­den ist und in dem der Gläu­bi­ger von den den Anspruch begrün­den­den Umstän­den und der Per­son des Schuld­ners Kennt­nis erlangt oder ohne gro­be Fahr­läs­sig­keit erlan­gen müss­te.

Ein Rück­zah­lungs­an­spruch des Strom­kun­den ist nicht zum Zeit­punkt der Erbrin­gung der ein­zel­nen Abschlags­zah­lun­gen ent­stan­den. Wie der Bun­des­ge­richts­hof bereits ent­schie­den hat [2], ent­steht ein Rück­for­de­rungs­an­spruch nicht bereits mit der Leis­tung der ein­zel­nen Abschlags­zah­lun­gen, son­dern erst mit Ertei­lung der Abrech­nung.

Aller­dings waren in dem Zeit­punkt, in dem die Rück­for­de­rungs­an­sprü­che objek­tiv ent­stan­den sind, auch die sub­jek­ti­ven Vor­aus­set­zun­gen des Ver­jäh­rungs­be­ginns nach § 199 Abs. 1 Nr. 2 BGB gege­ben.

Die Fra­ge, wann eine für den Beginn der Ver­jäh­rung hin­rei­chen­de Kennt­nis vor­han­den ist, ist nicht aus­schließ­lich Tat­fra­ge, son­dern wird maß­geb­lich durch den Begriff der Zumut­bar­keit der Kla­ge­er­he­bung geprägt [3].

Die von § 199 Abs. 1 Nr. 2 BGB gefor­der­te Kennt­nis des Gläu­bi­gers ist vor­han­den, wenn er auf­grund der ihm bekann­ten Tat­sa­chen gegen eine bestimm­te Per­son eine Kla­ge, sei es auch nur eine Fest­stel­lungs­kla­ge, erhe­ben kann, die bei ver­stän­di­ger Wür­di­gung so viel Erfolgs­aus­sicht hat, dass sie ihm zumut­bar ist [4]. Die erfor­der­li­che Kennt­nis setzt auch bei einem Berei­che­rungs­an­spruch grund­sätz­lich kei­ne zutref­fen­de recht­li­che Wür­di­gung vor­aus. Aus Grün­den der Rechts­si­cher­heit und der Bil­lig­keit genügt viel­mehr Kennt­nis der den Anspruch begrün­den­den tat­säch­li­chen Umstän­de [5], bei einem Berei­che­rungs­an­spruch dem­nach die Kennt­nis von der Leis­tung und den Tat­sa­chen, aus denen sich das Feh­len eines Rechts­grun­des ergibt [6].z

Nur aus­nahms­wei­se kann die Rechtsun­kennt­nis den Ver­jäh­rungs­be­ginn hin­aus­schie­ben, wenn eine unsi­che­re und zwei­fel­haf­te Rechts­la­ge besteht, die selbst ein rechts­kun­di­ger Drit­ter nicht zuver­läs­sig ein­zu­schät­zen ver­mag; denn in die­sem Fall fehlt es an der Zumut­bar­keit einer Kla­ge­er­he­bung [7]. Ein sol­cher Aus­nah­me­fall ist vor­lie­gend ent­ge­gen der Ansicht der Revi­si­on nicht gege­ben.

Dass der Lie­fe­ran­ten auf der Grund­la­ge des geschlos­se­nen Strom­lie­fe­rungs­ver­trags kein ein­sei­ti­ges Preis­än­de­rungs­recht zustand, ergab sich im vor­lie­gen­den Fall bereits dar­aus, dass der Text der AVBEltV dem Kun­den bei Ver­trags­schluss nicht aus­ge­hän­digt wor­den war und es daher an einer wirk­sa­men Ein­be­zie­hung die­ser Klau­seln nach § 2 Abs. 1 AGBG (heu­te § 305 Abs. 2 BGB) fehl­te [8]. In Anbe­tracht die­ses Umstan­des wäre dem Strom­kun­den schon mit Ablauf des jewei­li­gen Jah­res die Erhe­bung einer Kla­ge auf Rück­for­de­rung der in die­sen Jah­ren abge­rech­ne­ten – und den Aus­gangs­preis über­stei­gen­den – Abschlags­zah­lun­gen zumut­bar gewe­sen.

Unab­hän­gig davon war bei Ent­ste­hung der Rück­for­de­rungs­an­sprü­che ange­sichts der zu Preis­er­hö­hungs­klau­seln in ver­schie­de­nen Berei­chen ergan­ge­nen höchst­rich­ter­li­chen Recht­spre­chung für einen rechts­kun­di­gen Drit­ten auch erkenn­bar, dass die im Strom­lie­fe­rungs­ver­trag vor­ge­se­he­ne sub­si­diä­re Gel­tung der AVBEltV und damit die – hier unter­stell­te – Ein­be­zie­hung der Preis­be­stim­mun­gen in § 4 Abs. 1, 2 AVBEltV einer AGB-Kon­trol­le nicht stand­hal­ten wür­de. So hat der Bun­des­ge­richts­hof bereits im Jahr 1980 für die Wirk­sam­keit einer Preis­er­hö­hungs­klau­sel maß­geb­lich dar­auf abge­stellt, dass der Ver­trags­part­ner schon bei Ver­trags­schluss aus der For­mu­lie­rung der Klau­sel erken­nen kann, in wel­chem Umfang Preis­er­hö­hun­gen auf ihn zukom­men kön­nen, und dass er in der Lage ist, die Berech­ti­gung vor­ge­nom­me­ner Preis­er­hö­hun­gen an der Ermäch­ti­gungs­klau­sel zu mes­sen [9]. Die­se Recht­spre­chung wur­de in den Fol­ge­jah­ren bestä­tigt [10].

Dem wird ver­ein­zelt – aber ohne Erfolg – ent­ge­gen gehal­ten, der Rück­griff auf die Recht­spre­chung zur AGB-recht­li­chen Zuläs­sig­keit von Preis­än­de­rungs­klau­seln wer­de den recht­li­chen Beson­der­hei­ten der Ver­sor­gung von Haus­halts­kun­den mit Strom nicht gerecht. Zu berück­sich­ti­gen sei hier­bei näm­lich, dass auch das im Tarif­kun­den­ver­hält­nis gesetz­lich vor­ge­se­he­ne Preis­än­de­rungs­recht des Strom­ver­sor­gers in § 4 Abs. 1 und 2 AVBEltV sowie in § 5 Abs. 2 StromGVV den Anfor­de­run­gen nicht genü­ge, die die höchst­rich­ter­li­che Recht­spre­chung in ande­ren Fäl­len an die tat­be­stand­li­che Kon­kre­ti­sie­rung von Anlass, Vor­aus­set­zun­gen und Umfang eines ein­sei­ti­gen Leis­tungs­be­stim­mungs­rechts stel­le [11]. Da den genann­ten Rege­lun­gen eine „Leit­bild­funk­ti­on im wei­te­ren Sin­ne“ [12] zukom­me, sei bis zur Ent­schei­dung des Kar­tell­se­nats des Bun­des­ge­richts­hofs vom 29.04.2008 [13] unklar gewe­sen, ob auf­grund der dar­in zum Aus­druck kom­men­den Wer­tung auch bei einer Inhalts­kon­trol­le nach § 307 BGB an ver­trag­li­che Preis­än­de­rungs­klau­seln in Strom­lie­fe­rungs­ver­trä­gen mit Son­der­kun­den gerin­ge­re Anfor­de­run­gen als bei der AGB-recht­li­chen Beur­tei­lung sons­ti­ger Preis­än­de­rungs­klau­seln zu stel­len sei­en.

Die­se Ansicht über­sieht hier­bei, dass die ab dem Jahr 2005 auf­ge­kom­me­ne Dis­kus­si­on über die Leit­bild­funk­ti­on des § 4 Abs. 1, 2 AVB­GasV (§ 4 Abs. 1, 2 AVBEltV) und die sich hier­aus für eine Inhalts­kon­trol­le nach § 307 BGB erge­ben­den Fol­ge­run­gen nichts dar­an ändern, dass dem Strom­kun­den die Erhe­bung einer Rück­for­de­rungs­kla­ge schon mit dem Ent­ste­hen der Rück­for­de­rungs­an­sprü­che zumut­bar war. Denn eine Kla­ge­er­he­bung ist bereits dann zumut­bar, wenn die Kla­ge hin­rei­chen­de Erfolgs­aus­sich­ten hat; es ist nicht erfor­der­lich, dass die Kla­ge risi­ko­los mög­lich ist [14]. Das ist hier der Fall.

Zwar wur­de in der Lite­ra­tur begin­nend ab dem Jahr 2005 ver­ein­zelt ver­tre­ten, dass die Leit­bild­funk­ti­on des § 4 AVB­GasV im Rah­men des § 307 BGB zu berück­sich­ti­gen sei [15]. Eini­ge Instanz­ge­rich­te schlos­sen sich dem ab dem Jahr 2006 an [16]. Dies ändert jedoch nichts an der Zumut­bar­keit einer Kla­ge­er­he­bung, weil sich der Kun­de auf die Recht­spre­chung des Bun­des­ge­richts­hofs zur Unwirk­sam­keit von Preis­an­pas­sungs­klau­seln beru­fen konn­te.

Die drei­jäh­ri­ge Ver­jäh­rungs­frist für die Rück­zah­lungs­an­sprü­che begann daher mit dem Zugang der jewei­li­gen Jah­res­ab­rech­nung, in der die vom Strom­kun­den erbrach­ten Abschlags­zah­lun­gen berück­sich­tigt waren.

Bun­des­ge­richts­hof, Urteil vom 26. Sep­tem­ber 2012 – VIII ZR 279/​11

  1. BGH, Urteil vom 23.01.2007 – XI ZR 44/​06, BGHZ 171, 1 Rn. 18[]
  2. BGH, Urteil vom 23.05.2012 – VIII ZR 210/​11, NJW 2012, 2647 Rn. 9 ff.[]
  3. BGH, Urteil vom 15.06.2010 – XI ZR 309/​09, WM 2010, 1399 Rn. 13 mwN[]
  4. vgl. BGH, Urteil vom 06.05.1993 – III ZR 2/​92, BGHZ 122, 317, 324 f. zu § 852 Abs. 1 BGB aF[]
  5. BGH, Beschluss vom 19.03.2008 – III ZR 220/​07, NJW-RR 2008, 1237 Rn. 7 f.[]
  6. BGH, Urtei­le vom 15.06.2010 – XI ZR 309/​09, aaO Rn. 12; vom 20.01.2009 – XI ZR 504/​07, BGHZ 179, 260 Rn 47; vom 29.01.2008 – XI ZR 160/​07, BGHZ 175, 161 Rn. 26[]
  7. BGH, Urtei­le vom 15.06.2010 – XI ZR 309/​09, aaO; vom 20.01.2009 – XI ZR 504/​07, aaO; Beschluss vom 19.03.2008 – III ZR 220/​07, aaO; vgl. auch BGH, Urtei­le vom 25.02.1999 – IX ZR 30/​98, NJW 1999, 2041 unter II 1; vom 09.06.1952 – III ZR 128/​51, BGHZ 6, 195, 202[]
  8. vgl. BGH, Urteil vom 22.02.2012 – VIII ZR 34/​11, NJW-RR 2012, 690 Rn. 22 [zur AVB­GasV][]
  9. BGH, Urteil vom 11.06.1980 – VIII ZR 174/​79, WM 1980, 1120 unter II 2[]
  10. BGH, Urtei­le vom 26.05.1986 – VIII ZR 218/​85, WM 1986, 1059 unter B; vom 21.09.2005 – VIII ZR 38/​05, NJW-RR 2005, 1717 unter II 3; vom 13.12.2006 – VIII ZR 25/​06, NJW 2007, 1054 Rn. 27 ff.; vgl. auch BGH, Urteil vom 07.10.1981 – VIII ZR 229/​80, BGHZ 82, 21, 23 ff.[]
  11. vgl. hier­zu BGH, Urtei­le vom 15.07.2009 – VIII ZR 225/​07, BGHZ 182, 59 Rn. 23, sowie VIII ZR 56/​08, BGHZ 182, 41 Rn. 26[]
  12. vgl. hier­zu BGH, Urtei­le vom 25.02.1998 – VIII ZR 276/​96, BGHZ 138, 118, 126 ff. [zu § 6 Abs. 1 AVBEltV]; vom 15.07.2009 – VIII ZR 225/​07, aaO Rn.20 und VIII ZR 56/​08, aaO Rn. 22; vom 14.07.2010 – VIII ZR 246/​08, BGHZ 186, 180 Rn. 33 ff.[]
  13. BGH, Urteil vom 29.04.2008 – KZR 2/​07, BGHZ 176, 244 Rn. 17 ff.[]
  14. vgl. BGH, Urtei­le vom 26.11.1987 – IX ZR 162/​86, BGHZ 102, 246, 248; vom 03.06.2008 – XI ZR 319/​06, NJW 2008, 2576 Rn. 27; vom 14.01.2010 – VII ZR 213/​07, NJW 2010, 1195 Rn. 13; jeweils mwN[]
  15. Schulz-Gar­dy­an, N&R 2005, 97, 99; Kunth/​Tüngler, RdE 2006, 257, 258; aA Half­mei­er, VuR 2006, 417, 419[]
  16. OLG Cel­le, Urteil vom 17.01.2008 – 13 U 152/​07, OLGR 2008, 273; LG Hanau, Urteil vom 28.02.2008 – 6 O 50/​07, n.v.; vgl. auch LG Bonn, ZNER 2006, 274, 276 sowie LG Ver­den, Urteil vom 05.07.2007 – 5 O 419/​06; aA LG Dort­mund, Urteil vom 18.01.2008 – 6 O 341/​06[]