Miss­brauchs­ver­fü­gung – und die Über­prü­fung der Antrags­be­rech­ti­gung

Der von einer Miss­brauchs­ver­fü­gung nach § 31 EnWG betrof­fe­ne Netz­be­trei­ber kann sich im anschlie­ßen­den gericht­li­chen Ver­fah­ren nicht dar­auf beru­fen, dass es dem Antrag­stel­ler an der Antrags­be­fug­nis zur Ein­lei­tung des Beson­de­ren Miss­brauchs­ver­fah­rens gefehlt hat.

Miss­brauchs­ver­fü­gung – und die Über­prü­fung der Antrags­be­rech­ti­gung

Damit kann in der­ar­ti­gen Fäl­len offen­blei­ben, ob die Antrag­stel­le­rin­nen durch das Ver­hal­ten der Strom­netz­be­trei­be­rin in ihren Inter­es­sen erheb­lich berührt wer­den und ihr Antrag nach § 31 Abs. 1 Satz 1 EnWG zuläs­sig war. Denn auf einen etwai­gen Ver­fah­rens­feh­ler kann sich die Strom­netz­be­trei­be­rin nicht beru­fen, weil das Merk­mal der Antrags­be­fug­nis nicht ihrem Schutz, son­dern dem Schutz der Antrag­stel­ler dient.

Nach den für das all­ge­mei­ne Ver­wal­tungs­recht gel­ten­den Grund­sät­zen hat eine Anfech­tungs­kla­ge nach § 113 Abs. 1 Satz 1 VwGO Erfolg, soweit der Ver­wal­tungs­akt rechts­wid­rig ist und der Klä­ger dadurch in sei­nen Rech­ten ver­letzt wird. Wie der Bun­des­ge­richts­hof bereits mehr­fach ent­schie­den hat [1], kann für das ener­gie­wirt­schafts­recht­li­che Ver­fah­ren nichts ande­res gel­ten. § 83 Abs. 2 Satz 1 EnWG ent­hält zwar kei­ne dem § 113 Abs. 1 Satz 1 VwGO gleich­lau­ten­de For­mu­lie­rung, son­dern stellt ledig­lich auf die Unzu­läs­sig­keit oder Unbe­gründ­etheit der ange­foch­te­nen Ent­schei­dung ab. Die­ser Vor­schrift kommt indes inso­weit kein ande­rer Rege­lungs­ge­halt zu, als auch sie das Vor­lie­gen einer mate­ri­el­len Beschwer und die Ver­let­zung eige­ner Rech­te vor­aus­setzt.

Auf­grund des­sen sind ins­be­son­de­re Ver­fah­rens­ver­stö­ße nur dann beacht­lich, wenn die ver­letz­te Ver­fah­rens­vor­schrift auch dem Schutz des Strom­netz­be­trei­be­rin dient, also nicht nur im öffent­li­chen Inter­es­se oder im Inter­es­se Drit­ter erlas­sen wur­de. In der Recht­spre­chung des Bun­des­ver­wal­tungs­ge­richts ist zudem seit lan­gem aner­kannt, dass grund­sätz­lich nur sol­che Ver­fah­rens­feh­ler, auf denen die Ent­schei­dung beru­hen kann, zur Auf­he­bung des Ver­wal­tungs­akts füh­ren. Die­sen all­ge­mei­nen Rechts­ge­dan­ken bringt auch § 46 VwVfG zum Aus­druck [2]. Auch inso­weit kann für das ener­gie­wirt­schafts­recht­li­che Ver­fah­ren – wie bereits die Ver­wei­sung in § 67 Abs. 4 EnWG auf die §§ 45, 46 VwVfG zeigt – nichts ande­res gel­ten.

Nach die­sen Maß­ga­ben kann sich der von einer Miss­brauchs­ver­fü­gung nach § 31 EnWG betrof­fe­ne Netz­be­trei­ber im anschlie­ßen­den gericht­li­chen Ver­fah­ren nicht dar­auf beru­fen, dass es dem Antrag­stel­ler an der Antrags­be­fug­nis zur Ein­lei­tung des Beson­de­ren Miss­brauchs­ver­fah­rens gefehlt hat.

Die Vor­schrift des § 31 EnWG dient der Umset­zung von Art. 23 Abs. 5 der Elek­tri­zi­täts­bin­nen­markt­richt­li­nie 2003/​54/​EG (nun­mehr Art. 37 Abs. 11 der Elek­tri­zi­täts­bin­nen­markt­richt­li­nie 2009/​72/​EG) und soll Strom­netz­be­trei­be­rin die Mög­lich­keit geben, sich über das Ver­hal­ten eines Betrei­bers von Ener­gie­ver­sor­gungs­net­zen zu beschwe­ren. Absatz 1 Satz 1 gibt den Strom­netz­be­trei­be­rin das – sub­jek­ti­ve – Recht, einen Antrag auf Über­prü­fung des Ver­hal­tens eines Netz­be­trei­bers bei der Regu­lie­rungs­be­hör­de zu stel­len [3]. Die­se hat sodann nach Absatz 1 Satz 2 zu prü­fen, inwie­weit das Ver­hal­ten des Netz­be­trei­bers mit den Vor­ga­ben in den Bestim­mun­gen der Abschnit­te 2 und 3 des Ener­gie­wirt­schafts­ge­set­zes oder der auf die­ser Grund­la­ge erlas­se­nen Rechts­ver­ord­nun­gen sowie den nach § 29 Abs. 1 EnWG fest­ge­leg­ten oder geneh­mig­ten Bedin­gun­gen und Metho­den über­ein­stimmt.

Die­ses Prü­fungs­pro­gramm unter­schei­det sich damit nicht von dem­je­ni­gen der All­ge­mei­nen Miss­brauchs­auf­sicht nach § 30 Abs. 1 Satz 2 Nr. 1 EnWG oder dem Auf­sichts­ver­fah­ren nach § 65 Abs. 1 und 2 EnWG. Die ange­foch­te­ne Miss­brauchs­ver­fü­gung hät­te daher auch auf eine die­ser bei­den Ermäch­ti­gungs­grund­la­gen gestützt wer­den kön­nen. Dass inso­weit die Regu­lie­rungs­be­hör­de von Amts wegen tätig wer­den kann, zeigt zugleich, dass die Antrags­be­fug­nis in § 31 EnWG ledig­lich dem Schutz der von einem miss­bräuch­li­chen Ver­hal­ten eines Netz­be­trei­bers Strom­netz­be­trei­be­rin und dane­ben – im Hin­blick auf die inso­weit ein­schrän­ken­de Tat­be­stands­vor­aus­set­zung der Berüh­rung erheb­li­cher Inter­es­sen – allen­falls noch den Belan­gen der Regu­lie­rungs­be­hör­de dient, nicht hin­ge­gen dem Schutz des Netz­be­trei­bers, gegen den sich das Beson­de­re Miss­brauchs­ver­fah­ren rich­ten soll. Der Zweck des Beson­de­ren Miss­brauchs­ver­fah­rens nach § 31 EnWG im Ver­hält­nis zu dem All­ge­mei­nen Miss­brauchs­ver­fah­ren nach § 30 EnWG und dem Auf­sichts­ver­fah­ren nach § 65 EnWG erschöpft sich daher dar­in, den Antrag­stel­lern im Fal­le der Ableh­nung einer Über­prü­fung nach § 31 Abs. 1 Satz 2 EnWG durch die Regu­lie­rungs­be­hör­de eine gericht­li­che Nach­prü­fungs­mög­lich­keit ein­zu­räu­men, wäh­rend sich die­se bei den bei­den ande­ren Ver­fah­ren auf eine Über­prü­fung der behörd­li­chen Ermes­sens­ent­schei­dung beschränkt [4].

Bun­des­ge­richts­hof, Beschluss vom 14. April 2015 – EnVR 45/​13

  1. vgl. nur zuletzt Beschluss vom 16.12 2014 – EnVR 54/​13 25 mwN – Fest­le­gung Tages­neu­wer­te II[]
  2. vgl. nur BVerw­GE 65, 167, 171; 67, 74, 76; BVerwG, Buch­holz 316 § 46 VwVfG Nr. 8[]
  3. vgl. BT-Drs. 15/​3917, S. 63[]
  4. vgl. BGH, Beschluss vom 03.06.2014 – EnVR 10/​13, RdE 2015, 29 Rn. 15 f. – Strom­netz Hom­berg – zu § 65 Abs. 2 EnWG[]