Wind­rad-Höhe: 141 m

Der Errich­tung einer Wind­kraft­an­la­ge mit 141 m Gesamt­hö­he ste­hen öffent­li­che Belan­ge nicht schon des­halb ent­ge­gen, weil es im Aus­schluss­ge­biet des Teil­re­gio­nal­plans “Wind­ener­gie 2006“ ver­wirk­licht wer­den soll. Denn der Teil­re­gio­nal­plan ist wegen Ver­let­zung höher­ran­gi­gen Rechts unwirk­sam.

Wind­rad-Höhe: 141 m

Mit die­ser Begrün­dung hat der Ver­wal­tungs­ge­richts­hof Baden-Würt­tem­berg in dem hier vor­lie­gen­den Fall das Land­rats­amt Sig­ma­rin­gen ver­pflich­tet, einem nord­deut­schen Unter­neh­men einen Bau­vor­be­scheid zur Errich­tung einer Wind­kraft­an­la­ge in der – zum Aus­schluss­ge­biet gehö­ren­den – Gemein­de Ost­rach zu ertei­len. Das kla­gen­de Unter­neh­men bean­trag­te im Mai 2004 einen Bau­vor­be­scheid über die bau­pla­nungs­recht­li­che Zuläs­sig­keit einer Wind­kraft­an­la­ge (100 m Naben­hö­he, 41 m Rotor­ra­di­us) auf einem Grund­stück im Außen­be­reich der Gemein­de Ost­rach. Das beklag­te Land­rats­amt Sig­ma­rin­gen lehn­te den Antrag ab. Im Kla­ge­ver­fah­ren stütz­te es die Ableh­nung auch auf den Teil­re­gio­nal­plan “Wind­ener­gie 2006“ des Regio­nal­ver­bands Boden­see-Ober­schwa­ben vom 12. Mai 2006. Die­ser legt für raum­be­deut­sa­me Wind­kraft­an­la­gen in der Regi­on Boden­see-Ober­schwa­ben drei Vor­rang­ge­bie­te an den Stand­or­ten „Inne­rin­gen“, „Stor­zin­gen“ und „Juden­ten­berg“ sowie für die übri­ge Regi­on ein Aus­schluss­ge­biet fest, zu dem auch die Gemein­de Ost­rach gehört.

Das Ver­wal­tungs­ge­richt Sig­ma­rin­gen wies die Kla­ge mit der Begrün­dung ab, der Teil­re­gio­nal­plan “Wind­ener­gie 2006“ sei wirk­sam und ste­he dem Vor­ha­ben ent­ge­gen. Im Beru­fungs­ver­fah­ren beschränk­te die Klä­ge­rin ihren Bau­vor­be­scheid­an­trag auf die bau­pla­nungs­recht­li­che Zuläs­sig­keit der Wind­kraft­an­la­ge ohne Berück­sich­ti­gung von Belan­gen des Natur­schut­zes und der Land­schafts­pfle­ge.

Nach Auf­fas­sung des Ver­wal­tungs­ge­richts­hofs Baden-Würt­tem­berg sei die mit 141 m Gesamt­hö­he raum­be­deut­sa­me Wind­kraft­an­la­ge bau­pla­nungs­recht­lich im Außen­be­reich pri­vi­le­giert zuläs­sig. Öffent­li­che Belan­ge stün­den die­sem Vor­ha­ben nicht schon des­halb ent­ge­gen, weil es im Aus­schluss­ge­biet des Teil­re­gio­nal­plans “Wind­ener­gie 2006“ ver­wirk­licht wer­den sol­le. Denn der Teil­re­gio­nal­plan sei wegen Ver­let­zung höher­ran­gi­gen Rechts unwirk­sam. Zwar habe bei sei­nem Erlass im Mai 2006 eine aus­rei­chen­de Ermäch­ti­gung im Lan­des­pla­nungs­ge­setz dafür bestan­den, Vor­rang­ge­bie­te für raum­be­deut­sa­me Wind­kraft­an­la­gen mit Aus­schluss­ge­bie­ten zu kom­bi­nie­ren. Der Teil­re­gio­nal­plan “Wind­ener­gie 2006“ ver­sto­ße aber gegen das Abwä­gungs­ge­bot des Lan­des­pla­nungs­ge­set­zes. Die Abwä­gung des Regio­nal­ver­bands sei im Ergeb­nis feh­ler­haft, weil die drei Vor­rang­ge­bie­te nicht sub­stan­ti­ell Raum zur Wind­ener­gie­nut­zung in der Regi­on Boden­see-Ober­schwa­ben schaff­ten und der Teil­re­gio­nal­plan damit eine blo­ße Ver­hin­de­rungs­pla­nung dar­stel­le. Ein star­kes Indiz dafür sei bereits der mit 0,43% extrem gerin­ge Flä­chen­an­teil der Vor­rang­ge­bie­te an sämt­li­chen zur Wind­ener­gie­nut­zung geeig­ne­ten (wind­höf­fi­gen) Gebie­ten in der Regi­on. Ein wei­te­res Indiz sei, dass der Regio­nal­ver­band mit „Inne­rin­gen“ und „Stor­zin­gen“ auf 105 ha von ins­ge­samt 120 ha Vor­rang­flä­che zwei Stand­or­te gewählt habe, die luft­ver­kehrs­recht­li­che Beschrän­kun­gen der Bau­hö­he von 80 m und 90 m unter­lä­gen. Schließ­lich spre­che die eige­ne Pro­gno­se des Regio­nal­ver­bands, dass für das Gros der Vor­rang­ge­bie­te ein wirt­schaft­li­cher Betrieb von Wind­kraft­an­la­gen nicht gewähr­leis­tet sei, für eine Ver­hin­de­rungs­pla­nung. Auch wenn es in der Regi­on Boden­see-Ober­schwa­ben ins­ge­samt nur weni­ge wind­höf­fi­ge Stand­or­te gebe, recht­fer­ti­ge dies im Blick auf die Pri­vi­le­gie­rung der Wind­ener­gie­nut­zung im Außen­be­reich und das Eigen­tums­grund­recht nicht, fast die gesam­te drei Land­krei­se umfas­sen­de 3.500 km² gro­ße Regi­on für raum­be­deut­sa­me Wind­kraft­an­la­gen zu sper­ren.

Sons­ti­ge öffent­li­che Belan­ge stün­den dem Vor­ha­ben, soweit dies mit dem Bau­vor­be­scheid­an­trag zur Prü­fung gestellt sei – also mit Aus­nah­me der Belan­ge des Natur­schut­zes und der Land­schafts­pfle­ge – , eben­falls nicht ent­ge­gen. Das Orts- und Land­schafts­bild wer­de nicht ver­un­stal­tet. Schäd­li­che Umwelt­ein­wir­kun­gen sei­en nach einem im Beru­fungs­ver­fah­ren vor­ge­leg­ten Schall- und Schat­ten­gut­ach­ten nicht zu erwar­ten oder jeden­falls durch Auf­la­gen oder ande­re Neben­be­stim­mun­gen zu ver­mei­den. Gefah­ren durch Eis­wurf kön­ne eben­falls begeg­net wer­den. Auch der Grund­was­ser­schutz und die Sicher­heit des Luft­ver­kehrs sei­en gewähr­leis­tet. Schließ­lich stün­den dem Vor­ha­ben auch nicht die Dar­stel­lun­gen des in Auf­stel­lung befind­li­chen Flä­chen­nut­zungs­plans der Gemein­de Ost­rach ent­ge­gen. Der Stand­ort des strei­ti­gen Vor­ha­bens wür­de danach zwar nicht in einer Kon­zen­tra­ti­ons­flä­che für Wind­kraft­an­la­gen lie­gen. Die Pla­nung der Gemein­de sei aber noch nicht der­art kon­kret, dass sie dem Vor­ha­ben der Klä­ge­rin als öffent­li­cher Belang ent­ge­gen­ste­hen könn­te.

Ver­wal­tungs­ge­richts­hof Baden-Würt­tem­berg, Urteil vom 9. Okto­ber 2012 – 8 S 1370/​11