Gasversorgung — und die Preiserhöhung im Grundversorgungstarif

Dem Gericht ste­ht bei der Beurteilung, ob die Preis­er­höhun­gen des Energiev­er­sorg­ers dessen (Bezugs)Kostensteigerungen (hin­re­ichend) abbilden, ein Ermessen zu.

Gasversorgung — und die Preiserhöhung im Grundversorgungstarif

Der Bun­des­gericht­shof hat in sein­er früheren ständi­gen Recht­sprechung aus § 4 Abs. 1, 2 AVB­GasV beziehungsweise aus § 5 Abs. 2 Gas­GVV1 (im Fol­gen­den Gas­GVV aF) ein nach bil­ligem Ermessen (§ 315 BGB) beste­hen­des Preisän­derungsrecht des Gas­grund­ver­sorg­ers ent­nom­men2. Wie der Bun­des­gericht­shof im Anschluss an das Urteil des Gericht­shofs der Europäis­chen Union vom 23.10.20143 entsch­ieden hat, kann aus § 4 Abs. 1 und 2 AVB­GasV beziehungsweise aus § 5 Abs. 2 Gas­GVV aF für die Zeit ab 1.07.2004 — dem Ablauf der Umset­zungs­frist der Gas­richtlin­ie 2003/55/EG — ein ein­seit­iges Preisän­derungsrecht des Ver­sorg­ers nicht ent­nom­men wer­den, weil eine solche Annahme nicht mit den Trans­paren­zan­forderun­gen des Art. 3 Abs. 3 Sätze 4 bis 6 in Verbindung mit Anhang A der vor­ge­nan­nten Gas-Richtlin­ie (aufge­hoben zum 3.03.2011 durch Art. 53 der Gas-Richtlin­ie 2009/73/EG) zu vere­in­baren ist4.

Wie der Bun­des­gericht­shof in den Urteilen vom 28.10.20155 weit­er entsch­ieden hat, ergibt sich jedoch aus der gebote­nen und an dem objek­tiv zu ermit­tel­nden hypo­thetis­chen Willen der Ver­tragsparteien auszurich­t­en­den ergänzen­den Ausle­gung (§§ 157, 133 BGB) eines — wie hier — auf unbes­timmte Dauer angelegten Gasliefer­ungsver­trags, dass der Grund­ver­sorg­er berechtigt ist, Steigerun­gen sein­er (Bezugs)Kosten, soweit diese nicht durch Kostensenkun­gen in anderen Bere­ichen aus­geglichen wer­den, während der Ver­tragslaufzeit an seine Kun­den weit­erzugeben, und er verpflichtet ist, bei ein­er Tar­i­fan­pas­sung Kostensenkun­gen eben­so zu berück­sichti­gen wie Kosten­er­höhun­gen.

Die Beurteilung der Wirk­samkeit ein­er ein­seit­i­gen Preis­bes­tim­mung des Grund­ver­sorg­ers während der Ver­tragslaufzeit konzen­tri­ert sich mithin auf die tat­säch­liche Frage, ob die vor­ge­nan­nten Voraus­set­zun­gen erfüllt sind.

Der Bun­des­gericht­shof hat in den Urteilen vom 28.10.20156 entsch­ieden, dass dem Tatrichter bei der Beurteilung, ob die Preis­er­höhun­gen des Energiev­er­sorg­ers dessen (Bezugs)Kostensteigerungen (hin­re­ichend) abbilden, ein Ermessen zuste­ht. (Bezugs)Kostensteigerungen (hin­re­ichend) abbilden, ein Ermessen zuste­ht. Dessen Ausübung unter­liegt nur ein­er eingeschränk­ten revi­sion­s­gerichtlichen Über­prü­fung darauf, ob sie auf grund­sät­zlich falschen oder offen­bar unrichti­gen Erwä­gun­gen beruht, erhe­blich­es Vor­brin­gen der Parteien unberück­sichtigt gelassen, Rechts­grund­sätze der Bemes­sung verkan­nt, wesentliche Bemes­sungs­fak­toren außer Betra­cht gelassen oder bei ein­er etwaigen Schätzung unrichtige Maßstäbe zu Grunde gelegt wur­den.

So hat der Bun­des­gericht­shof die auch im Rah­men der ergänzen­den Ver­tragsausle­gung zu berück­sichti­gende tatrichter­liche Erwä­gung gebil­ligt, dass dem Energiev­er­sorgung­sun­ternehmen bei der Weit­er­gabe von (Bezugs)Kostensteigerungen — auch mit Rück­sicht auf die oft­mals nicht sich­er vorausse­hbare Entwick­lung der Bezugskosten — ein Ermessensspiel­raum zuzugeste­hen ist. Denn bei einem Mas­sen­geschäft wie dem Tar­ifkun­den­ver­trag liegt es — auch aus Prak­tik­a­bil­itäts­grün­den — im Inter­esse bei­der Ver­tragsparteien, eine Weit­er­gabe von Kostensenkun­gen und Kosten­er­höhun­gen nicht — was regelmäßig mit einem die Energiev­er­sorgung unnötiger­weise ver­teuern­den hohen Aufwand ver­bun­den wäre — tages­ge­nau vorzunehmen, son­dern auf die Koste­nen­twick­lung in einem gewis­sen Zeitraum abzustellen. Wie lange der Zeitraum für die vor­beze­ich­nete Gesamt­be­tra­ch­tung sein muss, lässt sich, wenn auch das Gaswirtschaft­s­jahr ein in den meis­ten Fällen geeigneter Prü­fungs­maßstab sein wird, nicht generell bes­tim­men, son­dern bedarf der Beurteilung des Tatrichters auf der Grund­lage der Umstände des Einzelfalls7.

Bun­des­gericht­shof, Beschluss vom 15. Dezem­ber 2015 — VIII ZR 76/13

  1. in der bis zum 29.10.2014 gel­tenden Fas­sung vom 26.10.2006, BGBl. I S. 2391 []
  2. vgl. nur BGH, Urteile vom 13.06.2007 — VIII ZR 36/06, BGHZ 172, 315 Rn. 14 ff.; vom 19.11.2008 — VIII ZR 138/07, BGHZ 178, 362 Rn. 26; eben­so BGH, Urteil vom 29.04.2008 — KZR 2/07, BGHZ 176, 244 Rn. 26, 29 []
  3. EuGH, Urteil vom 23.10.2014 — C359/11 und C400/11, NJW 2015, 849 — Schulz und Egbring­hoff []
  4. BGH, Urteile vom 28.10.2015 — VIII ZR 158/11, aaO Rn. 33 ff.; und — VIII ZR 13/12, aaO Rn. 35 ff. []
  5. BGH, Urteile vom 28.10.2015 — VIII ZR 158/11, aaO Rn. 66 ff.; und — VIII ZR 13/12, aaO Rn. 68 ff. []
  6. BGH, Urteile vom 28.10.2015 — VIII ZR 158/11, aaO Rn. 101, und — VIII ZR 13/12, aaO Rn. 103 []
  7. BGH, Urteile vom 28.10.2015 — VIII ZR 158/11, aaO Rn. 101 ff., und — VIII ZR 13/12, aaO Rn. 103 ff. []